FACTUM EST Iohannes baptista
Gallus
Petrus apostolus
Cornelius
cf. Ex 19
· uel quod sibi suspitione falsaque
coniectura finxerat · hoc etiam in corporibus putat quę non uisa coniectat ·
Illa corporali usus est Moyses
Syna mons; Berg Sinai
Esaias
Iohannes apostolus
Pathmos insula
Paulus apostolus (pastor ecclesiae)
Moyses
Esaias
Wiborada (Wiberada, Wiborat)
Wiborada (Wiberada, Wiborat)
Es geschah am Vortag des Festes des heiligen Johannes des Täufers, da im Osten die Morgendämmerung anfing: Sie sah nicht ohne Vorbedeutung in einer Vision den seligen Gallus im Weiß des priesterlichen Gewandes die Messe feiern und hörte eine Menge rein glänzender Seelen mit ihm singen, und als die Messe vorüber war, kam er zu ihrem Fensterchen und prophezeite ihr Verschiedenes, was später der Gang der Dinge als wahr erwies. Über dieses Orakel pflegen sich die meisten zu wundern, wie nämlich die selige Jungfrau noch in ihrem Leibe verhaftet die durch ihre Natur unsichtbaren Geister sehen konnte. Aber diese sinnen als noch Fleischliche ʻauf das, was des Fleisches istʼ, und wissen noch nicht wie ein vom Geist erfüllter Mensch ʻalles zu beurteilenʼ. Denen müssen die, die ʻnicht fleischlich, sondern geistigʼ sind, kundtun, daß Körperliches mit körperlichen, Geistiges aber mit geistigen Augen zu sehen ist. ʻEs ist sicher, daß eine geistige Natur in uns ist, wo sich die Abbilder der körperlichen Dinge bilden, entweder, wenn wir einen Körper, der vor den fleischlichen Augen liegt, mit den Sinnesorganen des Körpers erfassen und sein Abbild unmittelbar im Geist gebildet und in der Erinnerung bewahrt wird, oder wenn er fern liegt, aber früher bekannt war, oder wir ihn nicht kennen, aber dennoch an seiner Existenz nicht zweifeln, oder wenn uns so der Geist erfaßt, daß wir von aller Sinneswahrnehmung des Körpers entfremdet und abgelenkt werden und allein durch die Abbilder der Körper in geistiger Schau gehalten werden.ʼ
ʻDie geistige Natur also, in der nicht Körper, sondern Abbilder der Körper ausgedrückt sind, hat Schauungen niedrigerer Art als jenes Licht des Verstandes und der Einsicht, durch das sowohl dies Unbedeutendere unterschieden wird, als aber auch das gesehen wird, was weder Körper ist, noch körperähnliche Formen hat, wie zum Beispiel ʻLiebe, Freude, Friede, Langmut, Wohlwollen, Güte, Glaubenʼ und alles andere dieser Art, wodurch man sich Gott nähert, ja Gott selbst, ʻaus dem alles, durch den alles und in dem allesʼ ist. Obgleich daher in ein und derselben Seele sich verschiedene Arten des Schauens finden, nämlich die, die durch den Körper wahrgenommen wird und die wir leibliches Sehen nennen, die, die durch den Geist gesehen wird und die wir geistiges Sehen nennen, die, die durch den Verstand erkannt wird und die wir Sehen der Einsicht nennen, haben sie doch ihre Rangfolge und ist eine der anderen überlegen. Denn das geistige Sehen ist höher als das leibliche Sehen, und wiederum ist die Schau der Einsicht höher als das geistige Sehen. Denn das leibliche Sehen kann ohne das geistige Sehen nicht sein, da ja in dem Augenblick, in dem ein Körper von den leiblichen Sinnen erfaßt wird, auch in der Seele etwas entsteht, das zwar nicht dieser Gegenstand, aber ihm ähnlich ist. Wenn das nicht geschähe, dann gäbe es auch den Sinn nicht, durch den die Dinge, die außerhalb liegen, wahrgenommen werden. Denn der Körper nimmt nichts wahr, sondern die Seele durch den Körper, dessen sie sich wie eines Boten bedient, um in sich selbst zu bilden, was von außen gemeldet wird. Aber beides wird nicht unterschieden, außer wenn der Sinn sich vom Körper entfernt,ʼ damit das, was durch den Körper gesehen wurde, im Geist gefunden werde. ʻDenn wenn etwas mit den Augen gesehen wird, entsteht sofort ein Bild davon im Geist, aber es wird nicht als ein Bild erkannt, es sei denn wir ziehen die Augen ab von dem, was wir mit ihnen gesehen haben, und finden so ein Bild im Geist.ʼ
ʻDas geistige Sehen aber kann auch ohne leibliches Sehen sein, da die Abbilder abwesender Körper im Geist erscheinen und viele nach Gutdünken oder Meinung gebildet werden.ʼ ʻVon diesen allen unterscheiden wir die körperlichen Dinge, die wir sehen, und auf die als wirklich vorhandene Dinge die Sinne unseres Körpers gerichtet sind, in der Weise, daß wir nicht zweifeln, diese seien Körper, jene aber Abbilder von Körpern. Wiederum bedarf das geistige Sehen der Schau der Einsicht zur Unterscheidung.ʼ ʻDenn als Petrus von den leiblichen Sinnen entfernt jene Schüssel sah, hörte er auch jene Worte im Geiste: «Schlachte und iß» und, «was Gott gereinigt hat, nenne du nicht gemein!» Als er aber den Sinnen des Körpers zurückgegeben war, da sah er das, was er als Gesehenes und Gehörtes in Erinnerung hatte, in demselben Geist durch Überlegung vor sich. Das alles waren nicht körperliche Dinge, sondern Abbilder von Körperlichem, sowohl als sie zuerst im Zustande des Außersichseins gesehen wurden, wie auch als sie später in Erinnerung gerufen und durchdacht wurden. Das Überlegen und Fragen nach dem Verständnis dieses Zeichens aber war eine Handlung des Verstandes, der sich versuchte, aber er kam zu keinem Ergebnis, bis die gemeldet wurden, die von Cornelius gekommen waren. Als aber jene leibliche Schau zu Hilfe kam, als der heilige Geist «Auf!» in seinem Geiste sprach: «Geh mit ihnen!», da erkannte, sobald dieser das Zeichen gegeben und die Worte zum Ausdruck gebracht hatte, der von Gott unterstützte Verstand, was es mit all diesen Zeichen auf sich hatte.ʼ
ʻDie Schau der Einsicht aber bedarf dieser geringeren geistigen nicht. Denn durch das in Einsicht Geschaute wird der Verstand nicht getäuscht; entweder hat er die Einsicht und es ist wahr, oder, wenn es nicht wahr ist, dann hat er sie nicht.ʼ ʻWenn die Seele aber durch die Ähnlichkeiten der Dinge genarrt wird, so nicht durch einen Fehler der Dinge, sondern den ihrer Meinung, wenn sie aus mangelnder Einsicht ähnliche Dinge für die hält, denen sie ähnlich sind. Sie wird also beim leiblichen Sehen getäuscht, wenn sie glaubt, es geschehe durch die Körper selbst, was sich in den Sinnen des eigenen Leibes abspielt, so wie Leuten, die segeln, die Dinge auf dem Land sich zu bewegen scheinen, die in Wirklichkeit in Ruhe sind, und denen, die den Himmel anschauen, die Sterne in Ruhe zu sein scheinen, die sich doch bewegen. Im geistigen Sehen, das heißt in Abbildern von Körpern, die im Geist gesehen werden, täuscht sich die Seele, wenn sie das, was sie so sieht, für die Körper selbst hält, oder wenn sie das, was sie sich durch Irrglauben und falsche Vermutungen eingebildet hat, auch in den Körpern vermutet, von denen sie, obwohl sie nicht gesehen wurden, Vermutungen hegt.ʼ Jenes leibliche Sehen geschah Moses ʻauf dem Berg Sinaiʼ; das geistige aber Isaias oder jenem Jungfräulichen [Johannes] auf der Insel Patmos. Das dritte aber werden wir wie der Apostel [Paulus] haben, wenn wir nach Auflösung aller Rätsel Gott sehen werden, wie er ist. Wie aber Moses? Wie Isaias? Sind sie nicht Weggenossen der Wiborada? Waren sie nicht ähnlich im Leibe verhaftet, da sie ihre Visionen hatten? Sie waren es! Deshalb mag man aufhören, bei Wiborada das gleichsam in Mißkredit zu bringen, wovon man auf Grund des überreichen Zeugnisses der Schriften nicht bestreiten kann, daß es sehr vielen Vätern geschehen ist.
- x
- ita codd.; mire Boll.↩
- y
- presagare C.↩
- z
- seu C.↩
- a
- deest C.↩
- b
- cognoscitur coni. Boll.↩
- c
- ex mandauit corr. B; mandauit C.↩
- d
- intelligerentur C.↩
- e
- ita A; surdum B C, Vad. 70, Sang. 610 et Basil. D.I.18 ; surge Goldast.↩
- f
- ex quod corr. A.↩
- g
- Intellexit Vad. 70, Sang. 610 et Goldast .↩
- h
- paphmos A.↩
- i
- in marg. C.↩
- k
- in corpore in marg. C.↩
- l
- Qua si Vad. 70, Sang. 610 et Goldast .↩