XVI

EXACTIS AUTEM PAUcis diebus · idem presul ad coenobium sancti GALLI profecturus · misit ad interrogandum sępedictam puellam · si secum proficisci uellet · At illa statim ingenti perfusa gaudio · cum duabus ancillis ad nauim properat · Igitur uento secundante nauigium · celeriter litus attingunt optatum · Episcopus uero ueniens ad monasterium p. 435 a fratribus honorificea susceptus est · Beata etiam uirgo eumb pedestri itinere tractimc prosequens · et ad locum circa solis occasum perueniens · ab episcopo necnon ab omni congregatione benigne suscepta est · Beniuolus autem pontifex · etsi non ex toto uoluntatem suam erga eam perfecit · nam praelibata uisio eam inserere sanctimonialibus eumd non permisit · tamen ne eius uoluntas penitus careret effectu · iussit ei domicilium iuxta basilicam sancti georiie martyris parari · ut ibi posset secrete conuersari · Quali igitur parsimonia quatuor pene annos inibi se afficeret · loqui arduum p. 436 uidetur · quia Sallust, Cat. 3,2ubi de magna uirtute atque gloria bonorum memores · quę sibi quisque facilia factuf putat ęquo animo accipit · supra ea ueluti ficta pro falsis ducit · Erumpe tu queso potius alarice serue dei · dic quid caput ęcclesię preciperetg te demandare membro suo ·

Cur me frater ea adtemptare cogis · quę tu ut conitio uidens quosdam iuxta apostoli presagium II Tm 4,4a ueritate auditum auertisse aggredi detrectas?

Mihi domine mi ut nulla uirtute predito loquenti uirtutes discredunt · respersi uero dulcedine tuę sanctitatis · libentes tibi praebent auditum · cf. Flavius Iosephus, Ant. Iud. XVIII 9Nam et maioris p. 437 potentię uisus gener aratę h regis · Mc 6,20 baptistam sciens uirum iustum et sanctum · non solum eum libenter audiebat · uerum etiam eo audito multa faciebat ·

Pape · cessent obsecro grauia exempla · nam quamuis ad loquendum confortent · nobis tamen minoribus multum est audire ad comparationem Mt 11,11 summumi in natis mulierum · neque uulgus urbanis nesciusk loqui audet conscendere solium tetrarchę · Nisi quod utrobique in hac apologya Horat., Carm. I 27,18tutis auribus depono propter detrahentes consului · quibusque exemplis cessantibus · agnoscerem me hinc debitorem eius promendę sanctitatis · quod dominus diuinę p. 438 illius conuersationisl me primum post se dignatus est intimum eligere · Ego alaricus minimus seruorum christi · decreui me pro eius nomine in quadam insula turicini lacus solitarium persistere · Ergo me inibi consistente · quadam nocte · quid me cogis frater loqui · quo me indignum hęc audientes possunt reputare · angelico affatu huiuscemodi uerbis ammonitus sum · In monasterio sancti GALLI · cella quadam in montibus constructa · scias quandam uirginem deo consecratam · in eius seruitio fideliter perdurantem · Ad hanc fidelem legatum ista mandata portantem p. 439 dirigas · Unaqueque arbor · siue fructuosa uel infructuosa · dum uiua terra radix tegitur in uiriditate poterit permanere · et fructibus uel frondibus se obducerem · At si terram quę foueat abesse contingat · nudata radice · necesse est ut arbor arescat · Quapropter deo ammonita · parcas tibi aliquid de nimia abstinentia · quatinus aridum corpus plus aliquid solito reficiens · eius seruitio et laudibus plenius insistere praeualeas ·

Magnam sane ostendis alarice uirginis parsimoniam · cum deum praedicas huic allegasse temperantiam ·p. 440 Nam labores pauli · regyratio laurentii · ostendunt eum posse pati electos suos multum probari · Sed et tibi non desunt testes · cf. III Rg 19,4-7Mc 8,2et bis refici iussus propheta sub iunipero · et turba dominum triduo sustinens · postremo uniuersitas cui educitur panis de terra · ne ei in itinere huius uitę desint uiatica · Quid si et illud miraculum in testimonium sumatur · nosti cum praedictus a te lacus in tantum proluit ut plurimi dies transirent quam nauigando eum ullusn intrare auderet · et cum tu iam pene fame consumptus ad orationem confugeres persona p. 441 cf. I Sm 30,12quędam tibi apparens panem uinumque capiti tuo imminere indicauit · quibus refocilatus conualuisti?

Tuo frater arbitratu · nam scientia ueritatis terret alaricum huic testimonio refragari · inperfectio uero meritorum dissuadet eum hęc affirmando praedicare · Tuum enim est potius hęco annuntiare · maxime cum ad gloriam uuiboradę tuę non parum sint respicientiap ·

Nach einigen Tagen schickte derselbe Bischof, als er zum Kloster des heiligen Gallus aufbrechen wollte, um das oftmals genannte Mädchen zu fragen, ob sie mit ihm reisen wolle. Da eilte jene sofort von großer Freude erfüllt mit zwei Mägden zum Schiff. Also erreichten sie mit einem für das Schiff günstigen Wind schnell das erwünschte Ufer. Der Bischof aber wurde, als er zum Kloster kam, von den Brüdern ehrenvoll empfangen; auch die Jungfrau, die ihm zu Fuß langsam folgte und gegen Sonnenuntergang am Ort ankam, wurde vom Bischof und dem ganzen Konvent freundlich aufgenommen. Der wohlwollende Bischof aber führte zwar seinen Plan ihr gegenüber nicht vollkommen aus; denn die oben erwähnte Vision gestattete ihm nicht, sie den Nonnen einzureihen. Aber damit sein Wille nicht ganz ohne Ergebnis bliebe, ordnete er an, daß man ihr neben der Kirche des heiligen Martyrers Georg eine Bleibe einrichte, damit sie dort für sich ein frommes Leben führen könne. Welche Enthaltsamkeit sie sich dort drinnen beinahe vier Jahre lang auferlegte, das auszusprechen ʻerscheint schwierig, da jeder, wenn man die große Tugend und den Ruhm guter Menschen erwähnt, das, was er sich selbst mit Leichtigkeit zutraut, ungerührt zur Kenntnis nimmt, was aber darüber hinausgeht, als ob es erlogen wäre, für falsch hältʼ. Laß also bitte lieber du dich vernehmen, Adalrich, Diener Gottes, sage, was das Haupt der Kirche dich einem seiner Glieder aufzutragen hieß.

«Warum zwingst du mich, Bruder, das zu versuchen, was du selbst ablehnst anzugehen, da du, wie ich vermute, jene Leute im Auge hast, die nach der Prophezeiung des Apostels ʻihr Gehör von der Wahrheit abgewandtʼ haben?»

«Wenn ich, mein Herr, spreche, dann nimmt man mir als einem, der keine Tugend besitzt, die Tugenden nicht ab; aber besprengt mit der Süße deiner Heiligkeit wird man dir gern Gehör schenken. Denn auch der Schwiegersohn des Königs Aretas [Herodes Antipas], der ganz beträchtliche Macht zu besitzen schien, ʻhörte den Täufer, den er als einen gerechten und heiligen Mann kannte, gern an; er tat auch vieles, wenn er ihn gehört hatteʼ.»

«Potztausend, verschone mich vor bedeutungsschweren Beispielen; denn wenn sie auch beim Reden nützen, ist es dennoch für uns Geringere schon viel, zum Vergleich vom Größten ʻunter den von Weibern geborenenʼ [Johannes dem Täufer] zu hören. Der Pöbel, der nicht in gebildeten Wendungen zu sprechen versteht, wagt auch nicht, den Thron des Tetrarchen zu besteigen. Wenn ich nicht die Verleumder in Betracht ziehen müßte — ich vertraue es in dieser Apologie beiderseits ʻsicheren Ohren anʼ — dann würde ich auch ohne solche Beispiele anerkennen, daß ich in der Schuld stehe, ihre Heiligkeit zu verkünden, weil der Herr mich als den ersten nach sich zum Eingeweihten ihres göttlichen Lebenswandels zu erwählen geruhte. Ich, Adalrich, der Geringste der Diener Christi, beschloß, um seines Namens willen, auf einer Insel des Züricher Sees [Ufenau] als Einsiedler auszuharren. Als ich mich nun dort niedergelassen hatte, wurde ich eines Nachts — wozu zwingst du mich, Bruder, über etwas zu sprechen, für das die Hörer mich unwürdig halten könnten! — durch einen Engel so angesprochen und ermahnt: «Wisse, daß beim Kloster des heiligen Gallus in einer in den Bergen gebauten Zelle eine Gott geweihte Jungfrau lebt, die in seinem Dienst treu ausharrt. Zu ihr schicke einen zuverlässigen Boten mit folgender Weisung: ʻJeder Baum, ob fruchtbar oder unfruchtbar, kann, solange die Wurzel mit lebendiger Erde bedeckt ist, im Saft stehen und sich mit Laub und Früchten schmücken. Aber wenn der Nährboden fehlt und die Wurzel entblößt ist, dann muß der Baum vertrocknen. Deshalb, du durch Gott Ermahnte: Verschone dich ein wenig vor allzu großer Enthaltsamkeit, damit du deinen ausgedörrten Körper ein wenig mehr als sonst stärkst und die Kraft hast, dich seinem Dienst und Lob noch mehr zu widmen!ʼ»

«Eine wahrhaft große Enthaltsamkeit der Jungfrau stellst du da vor Augen, Adalrich, wenn du sagst, Gott habe ihr gegenüber von Mäßigung geredet. Denn wie Paulus sich abgemüht hat, wie Laurentius [auf dem Rost] umgedreht wurde, das zeigt, daß er durchaus imstande ist, zuzulassen, daß seine Erwählten sehr geprüft werden. Aber auch dir fehlt es nicht an Zeugen: Da ist der Prophet [Elias], der unter dem Wacholder zweimal aufgefordert wurde, sich zu stärken; dann die Volksmenge, die drei Tage beim Herrn ausgehalten hat; und schließlich die ganze Menschheit, für die von der Erde das Brot hervorgebracht wird, damit es ihr auf der Reise dieses Lebens nicht an Wegzehrung fehle. Und wie, wenn man noch jenes Wunder als Zeugnis nimmt, du weißt: als der See, von dem du sprachst, so sehr von Brandung aufgewühlt war, daß mehrere Tage vergingen, bis einer wagte, ihn mit dem Schiff zu befahren; und als du, von Hunger beinahe ausgezehrt, zum Gebet Zuflucht nahmst, wie dir da eine Gestalt erschien und Brot und Wein unmittelbar über deinem Haupt schwebend zeigte, von denen erquickt du wieder zu Kräften kamst.»

«Deiner Entscheidung, Bruder, unterliegt die Sache nun; denn die Kenntnis der Wahrheit schreckt Adalrich ab, sich diesem Zeugnis zu widersetzen; die Unvollkommenheit seiner Verdienste jedoch rät ihm auch wieder davon ab, sie durch Behauptungen zu verkünden. Eher deine Aufgabe ist es, davon zu berichten, besonders weil es nicht wenig mit dem Ruhm deiner Wiborada zu tun hat.»

a
ri supr. lin. A.
b
cum C.
c
tractum C.
d
deest C.
e
georgii B C.
f
coni. Boll.; facto codd.
g
preceperit C.
h
ex arete corr. arate C.
i
ita codd.; summam scripsit Goldast; summi Boll.
k
nescimus codd.; nescius Goldast; nescium Boll.
l
congregationis B C.
m
et – obducere desunt B C et Basil. D.I.18 .
n
nullus Vad. 70, Sang. 610 et Goldast ; ullas Boll.
o
deest B C.
p
respicienda B C.