XXII (19)

Quidam uenerabilis monachus et presbyter fuit in congregatione sancti Galli literis eruditus et egregius praedicator nomine waldrammus p · Hic habuit familiarem quendam in ministerio sibimet carum · et fideliter seruientem · Per hunc ergo idem senior caritatis gratia sepius suam benedictionem dominę wiboradę mittere consueuerat · Cunque hac missione directus adueniret · et allata praesentaret · sicut omnibus ad se uenientibus fecit · remuneratus ab ea fragmen benedictiq panis accepit · Quod accipiens · et inde egrediens · prius ut credo alio saturatus edulio gustum sanctificati panis deuitat · et obuianti cuidam pauperi illum porrigens sine ulla tarditater properat ad dominum suum · Nec multum post idem febre correptus · et magna infirmitate detentus · manducare nec bibere potuit · Et cum de die in diem egritudo crescens non minueretur · suus senior ualde dolens super eum interrogat si scire potuisset unde ei tam subita infirmitas eueniret · Quo respondente se scire non posse · inquit · Nunquid excogitare poteris · si aliquando illuc missus a me aliquid benedi133vbctionis des sancta wiborada acceperis? Qui demum pietatis illius memor · et suę culpę uel arrogantię conscius · quanta uoce potuit exclamat · Domine meust · scio et cognosco hac de causa me nunc tanta infirmitate teneri · quia a sanctis et largis illiusu manibus panem accepi · sed minimev de eo propter peccata mea gustaui · tradens illudw cuidam mihi occurrentix · At ille de sanctitate beatę uirginis certissimus · simul et reatum iacentis agnoscens · adduci caballumy praecepit · quem superimpositum ante conspectum illius praesentare mandat · Sancta itaque uirgo agnita molestia · ualde illius contumaciam redarguit · panemque iterato benedicens ei porrigitz · Quo degustatoa statim conualuit · et post paruum labentis temporis interuallum plena sanitate recepta · sicut antea fecit suo domino gaudens ministrauit ·

Waldrams achtloser Diener

Es gab in der Gemeinschaft des heiligen Gallus einen verehrungswürdigen Mönch und Priester, der in den Wissenschaften bewandert und ein hervorragender Prediger war, namens Waldram. Dieser hatte als Diener einen Vertrauten, der ihm lieb war und treu seinen Dienst tat. Durch ihn nun pflegte der Herr, um ein Liebeswerk zu tun, der Herrin Wiborada öfter von ihm Gesegnetes zu senden. Als er so gesandt wieder einmal kam und das Mitgebrachte überreichte, erhielt er von ihr wie alle, die zu ihr kamen, zur Belohnung ein Stück gesegneten Brotes. Er nahm es, ging fort, und da er — wie ich glaube — von einer anderen Speise bereits gesättigt war, ließ er das gesegnete Brot unberührt, gab es einem Armen, der ihm gerade begegnete, und eilte unverzüglich zu seinem Herrn. Wenig später wurde er aber vom Fieber befallen und lag in so großer Schwäche darnieder, daß er weder essen noch trinken konnte. Und als die Krankheit nicht nachließ, sondern von Tag zu Tag zunahm, fragte ihn sein Herr, der über ihn sehr betrübt war, ob er sich vorstellen könne, wie diese so plötzliche Schwäche über ihn gekommen sei. Als dieser zur Antwort gab, das könne er nicht, sagte er: «Kannst du dich noch entsinnen, ob du von der heiligen Wiborada irgendetwas Gesegnetes empfangen hast, als du einmal von mir dorthin gesandt wurdest?» Da erinnerte er sich endlich ihrer frommen Gabe, wurde sich seiner Schuld, ja Anmaßung bewußt und rief, so laut er konnte: «Mein Herr! Ich weiß und erkenne, daß ich deshalb jetzt in so großer Schwäche darniederliege, weil ich aus ihren heiligen und freigebigen Händen ein Brot empfing; aber wegen meiner Sünden habe ich nicht davon gegessen, sondern es einem, der mir begegnete, gegeben.» Da sich jener aber der Heiligkeit der seligen Jungfrau sehr gewiß war und zugleich die Schuld des Darniederliegenden erkannte, befahl er, ein Pferd herbeizuholen, legte ihn darauf und gab den Auftrag, ihn vor ihr Angesicht zu bringen. Die heilige Jungfrau sah nun seine Beschwernis, tadelte sehr seinen Eigensinn und reichte ihm wieder ein Brot, das sie segnete. Als er davon gekostet hatte, kam er auf der Stelle wieder zu Kräften, erhielt nach Verlauf einer kurzen Frist seine volle Gesundheit zurück und diente freudig wie bisher seinem Herrn.

p
wadramus A; wadrammus corr. in waldrammus W; Waldramus Boll.
q
bt̅i A W; beati Boll.!
r
tardacione A.
s
de] a A.
t
mi Boll.
u
deest A.
v
minime] scriba A inepte inter manibus et panem accepi posuit; in marg. suppl. W.
w
illum Boll.
x
mihi occurrenti] qui mihi occurreret Boll.
y
cabellum A W Boll.!
z
iterato benedicens ei porrigit] benedicens iterato porrigit A W Boll.
a
ex deangustato corr. S.